Wie entsteht eine neue Idee, wenn ein Team feststeckt? Diese Frage stand im Mittelpunkt von einem Design Thinking Workshop mit einer Organisation aus dem Bildungssektor. Ziel war es, ein Leitbild zu entwickeln, das nicht nur formuliert, sondern im Alltag auch tatsächlich gelebt wird.
Frühere Beteiligungsprozesse hatten allerdings Spuren hinterlassen. Viele Mitarbeitende waren skeptisch gegenüber neuen Veränderungsformaten. Gleichzeitig bestand der Wunsch, diesmal wirklich an den Bedürfnissen der Menschen im System anzusetzen.
Im Workshop nutzte das Team Ansätze aus dem Design Thinking, um den Problemraum zu verstehen, neue Perspektiven einzubeziehen und erste Ideen zu entwickeln. Wie der Design-Thinking-Prozess grundsätzlich funktioniert, erklären wir hier ausführlicher: Der Design-Thinking-Prozess.
In diesem Artikel geht es um ein Praxisbeispiel aus einem solchen Workshop – und darum, was passieren kann, wenn Teams beginnen, Lösungen nicht nur zu diskutieren, sondern erlebbar zu machen.
Der Ausgangspunkt: Ein Leitbild, das wirklich gelebt wird
Ein Team einer Bildungseinrichtung wollte ein Leitbild entwickeln, das nicht nur als Dokument existiert, sondern im Alltag Orientierung gibt. Die Herausforderung: Frühere partizipative Prozesse hatten eher Frustration ausgelöst als Begeisterung. Viele Mitarbeitende hatten erlebt, dass Beteiligung zwar organisiert wurde, die Ergebnisse aber wenig Wirkung entfalten konnten.
Diesmal sollte der Prozess anders aussehen. Statt direkt über Formulierungen oder Werte zu diskutieren, wollte das Team zunächst verstehen: Was brauchen die Menschen in dieser Organisation eigentlich wirklich?
Den Problemraum verstehen: Spannungen im System sichtbar machen
Zu Beginn des Design Thinking Workshops ging es deshalb nicht um Lösungen. Das Team führte Nutzer:innen-Interviews mit verschiedenen Personen aus der Einrichtung. Die Gespräche machten deutlich, dass sich innerhalb der Organisation unterschiedliche Perspektiven und Erwartungen gegenüberstanden.
Im Workshop wurden diese Spannungen gemeinsam visualisiert. Zwischen verschiedenen Polen wurden Fragen sichtbar wie:
- Wie viel Beteiligung braucht der Prozess?
- Wie viel Orientierung wünschen sich die Mitarbeitenden?
- Wie kann man nach vorne denken, ohne alte Konflikte zu ignorieren?
Durch diese Visualisierung entstand ein gemeinsames Bild des Systems – mit all seinen Spannungen.
Wenn Zweifel Teil des Prozesses werden
Gerade in dieser Phase war die Unsicherheit im Team deutlich spürbar. Immer wieder tauchten Fragen auf:
- Fokussieren wir uns auf die richtigen Themen?
- Verstehen wir die Bedürfnisse wirklich?
- Bringt uns dieser Prozess tatsächlich weiter?
Solche Zweifel sind typisch für Innovationsprozesse. Der Druck steigt besonders dann, wenn Teams bereits schwierige Erfahrungen mit Veränderungsprozessen gemacht haben. Das Gefühl Zeit zu vergeuden, sich im Kreis zu drehen, Entscheidungen zu treffen und sie dann doch wieder zu hinterfragen.
Es dauerte eine ganze Weile, bis das Team das Gefühl hatte, durch ein Schlüsselloch geblickt zu haben und eine mögliche Richtung zu erkennen.
Neue Perspektiven ins Team holen
Ein wichtiger Schritt bestand darin, drei externe Perspektiven in das Projektteam einzubeziehen. Diese Personen gehörten nicht zur Organisation und konnten deshalb Fragen stellen, die im bestehenden System oft nicht (mehr) gestellt wurden. Dadurch wurden einige gewohnte Denkweisen plötzlich sichtbar – und konnten hinterfragt werden.
Gleichzeitig blieb die Ideenfindung zunächst erstaunlich schwierig.
Der Moment, in dem eine Idee entsteht
Der Wendepunkt kam nach einem kurzen Impuls zum Thema Prototyping. Die Idee: Nicht lange über Lösungen diskutieren, sondern etwas bauen, das eine mögliche Lösung direkt erlebbar macht.
Kurz darauf entwickelte eine Teilnehmerin eine überraschend einfache Idee: Statt sofort ein Leitbild zu formulieren, sollten zunächst Werte im Alltag der Organisation sichtbar gemacht und ausprobiert werden.
Das Team begann, einen ersten Prototypen zu entwickeln – ein Format, in dem verschiedene Werte in kleinen Experimenten im Alltag erlebbar werden. Erst auf dieser Grundlage sollte später ein Leitbild entstehen.
Die Stimmung im Raum veränderte sich spürbar. Aus Unsicherheit wurde plötzlich Energie.
Was dieser Design Thinking Workshop gezeigt hat
Das Projekt machte deutlich, wie wichtig drei Dinge in Innovationsprozessen sein können:
- Spannungen im System sichtbar zu machen
- neue Perspektiven in ein Team zu holen
- Ideen früh greifbar zu machen
Gerade in Organisationen mit schwierigen Erfahrungen aus früheren Veränderungsprozessen braucht es manchmal Zeit, bis ein Team den Mut findet, neue Wege auszuprobieren.
Drei Tipps aus diesem Projekt
1. Spannungen sichtbar machen: In vielen Organisationen existieren unterschiedliche Erwartungen und unausgesprochene Konflikte. Sie sichtbar zu machen kann ein wichtiger Schritt sein, um gemeinsam weiterzukommen.
2. Externe Perspektiven einladen: Neue Menschen im Prozess können helfen, eingefahrene Denkmuster zu hinterfragen und neue Ideen zu ermöglichen.
3. Ideen früh erlebbar machen: Ein erster Prototyp muss nicht perfekt sein. Er hilft Teams, Ideen zu testen und Diskussionen in Bewegung zu bringen.
Wenn ihr ebenfalls an einem bildungsnahen Thema arbeitet und neue Perspektiven für eure Organisation entwickeln möchtet, könnte dieser Design Thinking Workshop für euch interessant sein: Design Thinking in der Schulentwicklung.


