Wie wir immer und überall beeinflussbar sind und wie Design Thinking vielleicht helfen kann

Ein Artikel von Jonas Brunnert

 

Kreative Menschen haben viele Ideen. Doch Ideen zu haben reicht nicht aus. Gerade in Innovationsprozessen, bei denen es oft darum geht, aus vielen Ideen die Richtige zu wählen. Menschen sind unfassbar manipulierbar und handeln in vielen Fällen noch wie Steinzeitmenschen, die vor Bestien fliehen mussten. Das zeigt das Standardwerk von Nobelpreisträger Daniel Kahneman Thinking. Fast and Slow. Design Thinking könnte eine Methode sein dem entgegenzuwirken – durch Testen, Offenheit und dem Zusammenspiel von analytischen und kreativen Phasen.

Eine IBM-Umfrage hat ergeben, dass Manager Kreativität als wichtigstes Werkzeug für unsere globalisierte und digitalisierte Welt sehen. Gleichzeitig ergab eine Adobe-Umfrage, dass nur 25 % der Mitarbeitenden denken, dass ihr kreatives Potential ausgeschöpft ist (nachzulesen in Creative Confidence von David Kelly). Wir befassen uns bei INNOKI täglich mit kreativen Innovationsprozessen. Dabei versuchen wir Teams besser arbeiten zu lassen, Firmenkulturen zu verändern, Produkte und Dienstleistungen nutzerzentriert zu entwickeln und Menschen mehr kreatives Selbstbewusstsein zu vermitteln. Wir sind überzeugt: Jeder ist kreativ und in jedem steckt ein Erfinder bzw. eine Erfinderin!

Kreativität ist leicht beeinflussbar: unsere täglichen Denkfehler

Wusstet ihr, dass gute Laune kreativ macht und schlechte Laune Kreativität zerstört? Wahrscheinlich schon. Intuitives Denken wird durch positive Stimmung gefördert. Leider aber auch die Leichtgläubigkeit. Unser Denksystem 1, welches für das intuitive Denken zuständig ist, ist leicht zu täuschen.  Lest euch dazu die folgenden Aussagen über Julian durch:

"Julian ist intelligent – fleißig – impulsiv – kritisch - eigensinnig und neidisch."
Wie findet ihr Julian?

Und wie findet ihr ihn, wenn ihr die folgenden Eigenschaften über ihn lest?
"Julian ist neidisch – eigensinnig – kritisch – impulsiv – fleißig – intelligent."

Halo-Effekt, Anker-Effekt und Priming

Genau! Wahrscheinlich nicht so sympathisch, obwohl die Aussagen, abgesehen von der Reihenfolge, exakt die gleichen sind. Das liegt an dem sogenannten Halo-Effekt. Dieser bewirkt, dass der erste Eindruck, den wir von etwas haben, immer ausschlaggebend ist. Wenn wir einen Menschen das erste Mal sehen, entscheidet unser Hirn innerhalb von zwei Sekunden, ob wir die Person sympathisch finden.
Dieser Eindruck ist schwer wieder abzulegen. Aus diesem Grund gewinnen Menschen mit positiver Ausstrahlung auch eher Wahlen, obwohl sie eventuell gar nicht die beste Wahl sind. Unternehmen mit leichtem Namen sind zum Beispiel die ersten Jahre auch erfolgreicher an der Börse – einfach nur weil sie besser klingen. Wir kaufen ein Produkt eher, wenn es zu 90 % fettfrei ist, anstatt 10 % Fett enthält.

Kahneman erwähnt eine Gruppe Richter. Diese sollten, nachdem sie entweder die Zahl drei oder die Zahl neun gewürfelt hatten, beurteilen, zu welchen Gefängnisstrafen eine bestimmte Person verurteilt werden soll. Die Richter, welche eine drei gewürfelt hatten, tendierten eher zu fünf Monaten Haftstrafe, die mit der Zahl neun eher zu acht Monaten. Das ist der Anker-Effekt.
Menschen, sogar Richter, sind extrem beeinflussbar ohne es zu merken. Wenn Menschen gefragt werden: „Ist der höchste Mammutbaum höher oder niedriger als 366 Meter ist die durchschnittliche Antwort 256 Meter. Werden sie das gleiche mit „höher oder niedriger als 55 Meter“ gefragt, ist die durchschnittliche Antwort 86 Meter.

Der Anker-Effekt und auch der oben genannte Halo-Effekt sollten stets berücksichtigt werden, wenn Entscheidungen in Innovationsprozessen getroffen werden. Zum Beispiel mit welchem Konzept weiter gearbeitet werden soll, oder ob ein Produkt schon marktreif ist bzw. eher in die nächste Entwicklungsphase gehen sollte.

Kahneman beschreibt in seinem Buch außerdem das Phänomen What you see is all there is. Wenn wir gestern einen Artikel über Italien gelesen haben, dann können wir heute besser über italienisches Essen philosophieren als über französisches. Wenn wir heute ein Essen planen würden, dann würden wir aus dem gleichen Grund eher Pasta machen, als einen Linseneintopf – unser Hirn ist geprimed, sprich beeinflusst durch Dinge, die wir zuvor aufgenommen haben.

In einem kreativen Prozess spielen solche Dinge natürlich immer eine große Rolle. Menschen fällt zufällig etwas ein. Im Brainstorming schmeißen wir mit Ideen um uns und versuchen, diese erst einmal nicht in Frage zu stellen. Das Post-It mit der Banane drauf könnte dazu führen, dass der nächste Handstaubsauger der Firma XY gebogen ist. Wenn der Chef am Tag zuvor einen Vortrag über künstliche Intelligenz gehört hat, werden seine Ideen wahrscheinlich eher in diese Richtung gehen als in Richtung Virtual Reality.

Wenn uns diese möglichen Effekte und deren Auswirkungen bewusst sind, dann können kreative Teams dieses Wissen gezielt nutzen, um vor Entscheidungen einen Schritt zurück zu treten und noch einmal über mögliche Selbsttäuschung zu reflektieren.

 

Quellen:

Thinking. Slow and Fast, Daniel Kahnemann, 2011

Creative Confidence, Tom and Deavid Kelly, 2013

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